Deutsche Dialekte: Vielfalt und Geschichte
In diesem Artikel erfahren Sie, was Dialekte sind und warum es so viele verschiedene deutsche Dialekte gibt. Wir erklären auch, wie sie sich entwickelt haben und welche Rolle sie heute spielen.
Was ist ein Dialekt?
Ein Dialekt ist eine besondere Art, eine Sprache zu sprechen, die in einer bestimmten Region oder von einer Gruppe von Menschen verwendet wird. Im Deutschen nennt man Dialekte auch Mundarten. Sie sind Varianten der deutschen Sprache, genau wie das Hochdeutsche eine Variante ist. Wenn wir im Alltag sprechen, benutzen wir meistens die Umgangssprache. Das ist eine Form des Deutschen, die zwischen starkem Dialekt und dem geschriebenen Hochdeutsch liegt.
Warum gibt es so viele Dialekte?
Die vielen deutschen Mundarten haben historische Gründe. Die Entwicklung der Sprache begann vor langer Zeit mit dem Indogermanischen. Das ist eine Sprachfamilie, zu der viele Sprachen gehören, auch das Deutsche.
Vor über 2.000 Jahren, vor dem Jahr null, entstand das Urgermanische. Das war eine sehr frühe Form des Deutschen. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung war die erste Lautverschiebung. Dabei änderten sich bestimmte Laute. Zum Beispiel wurde der Laut „p“ oft zu „f“:
- Lateinisch pes (mit P)
- Germanisch Fuß (mit F)
Durch solche Veränderungen in der Aussprache oder Betonung der Silben haben sich Sprachen voneinander unterschieden.
Zwischen 600 und 1000 nach Christus gab es eine weitere große Veränderung: die zweite Lautverschiebung. Dadurch trennten sich das Hochdeutsche und das Niederdeutsche. Diese Trennung ist auch geografisch zu verstehen: Die Menschen im Süden Deutschlands, die höher über dem Meeresspiegel leben, sprechen Hochdeutsch. Im Norden sprechen die Menschen Niederdeutsch. Diese Unterschiede kann man heute noch hören:
- Im Norden sagt man Appel, im Süden Apfel.
- Im Norden sagt man dat und Water, im Süden das und Wasser.
Im hochdeutschen Sprachbereich gibt es dann noch weitere Unterteilungen in mittel- und oberdeutsche Dialekte. Die Sprachgebiete haben sich also immer weiter aufgeteilt.
Ein weiterer Grund für die Vielfalt der Dialekte war die politische Gliederung des deutschen Sprachgebiets in viele kleine Herrschaften im Mittelalter. Jede Region entwickelte ihre eigene Art zu sprechen.
Dialekte und die Entstehung des Hochdeutschen
Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit, etwa zwischen 1350 und 1550, sprachen die Menschen hauptsächlich ihre regionalen Mundarten. Diese konnten so unterschiedlich sein, dass sich Sprecher aus verschiedenen Regionen oft nicht verstanden. Gebildete Menschen nutzten Latein oder Kanzleisprachen, die in den Verwaltungen der verschiedenen Gebiete verwendet wurden.
Mit der Erfindung des modernen Buchdrucks und besonders durch Martin Luthers Bibelübersetzung um 1520 begann sich eine gemeinsame deutsche Schriftsprache zu entwickeln. Daraus entstand das Hochdeutsche. Es war zunächst eine Sprache, die man schrieb, nicht sprach. Die Menschen sprachen weiterhin ihre Dialekte.
Zum Beispiel sprach Johann Wolfgang von Goethe, der aus Frankfurt am Main kam, wahrscheinlich einen hessischen Dialekt. Manchmal reimte er Wörter wie versuchend auf Tugend. Wenn man diese Wörter hessisch ausspricht - versuchend, Tuchend - versteht man, wie der Reim gemeint war.
Noch im Jahr 1849 nutzte der bayerische König die Sprachbarriere: Er setzte im aufständischen Schwaben Soldaten aus Niederbayern und der Oberpfalz ein. Da sich Schwaben und Niederbayern wegen ihrer Dialekte schlecht verständigen konnten, war es unwahrscheinlich, dass sie sich verbündeten.
Die Rolle der Dialekte im 19. und 20. Jahrhundert
Mit der Gründung des deutschen Nationalstaates im Jahr 1871 wurde das Hochdeutsche immer wichtiger. Die Verwaltung wurde vereinheitlicht, und man wollte, dass alle Menschen im ganzen Reich auf die gleiche Weise mit Behörden kommunizieren konnten. Dialekt galt damals oft als Sprache der ungebildeten Menschen. Wer modern sein und etwas zu sagen haben wollte, sprach Hochdeutsch.
Auch Diktaturen versuchten, die Sprache zu beeinflussen, aber gegen Dialekte waren sie oft machtlos. In den 1920er Jahren und während der Zeit des Nationalsozialismus wurde zum Beispiel das Wort Automobil durch Kraftfahrzeug ersetzt, weil Automobil zu französisch klang.
In der DDR wurde auch versucht, die Sprache zu lenken. So wurde zum Beispiel das Seniorenheim in Feierabendheim umbenannt. Diese Veränderungen betrafen aber hauptsächlich den Wortschatz der Hochsprache in Medien und Verwaltung.
In den 1970er und 1980er Jahren verschwanden die klassischen Dialekte zunehmend aus dem offiziellen Alltag. In Schulen wurden Dialektformen als Fehler angesehen und führten zu schlechten Noten. Auch im Alltag sprachen viele Menschen keinen reinen Dialekt mehr, sondern eher ein Hochdeutsch mit regionaler Klangfärbung. Eine Frau aus Franken oder ein Mann aus Köln sind zum Beispiel an ihrer Aussprache erkennbar, auch wenn sie keinen Dialekt sprechen.
Dialekte heute
Dialekte entwickeln sich ständig weiter. Je weniger Menschen einen Dialekt sprechen, desto weniger genau wird er an die nächste Generation weitergegeben. Ganze Wörter können so vergessen werden.
Was wir heute oft unter Dialekten verstehen, sind regionale Unterschiede, die sich in die Standardsprache „eingeschlichen“ haben. Das kann die Aussprache betreffen, zum Beispiel wenn statt harten Konsonanten wie „t“ und „k“ weichere Laute wie „d“ und „g“ verwendet werden. Noch häufiger betreffen diese regionalen Unterschiede den Wortschatz.
Deutschland ist sprachlich sehr vielfältig. Man unterscheidet heute größere Dialektgebiete und verschiedene Regionalsprachen:
- An der Nordseeküste spricht man Friesisch.
- Im Norden der Republik spricht man Platt.
- Der Bereich des Westfälischen reicht bis Kassel.
- Um Köln herum wird Kölsch gesprochen.
- Im westlichen Mitteldeutschland dominieren rheinische Dialekte wie Hessisch und Pfälzisch.
- Im Südwesten sind Schwäbisch und Alemannisch verbreitet.
- Das Bairische dominiert den Südosten.
- Ein großes Dialektgebiet ist das Fränkische, das sich über Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und Sachsen erstreckt.
- Das Sächsische geht ab Wittenberg ins Märkische über.
- An der Ostsee ist das Mecklenburgische beheimatet.
Manchmal werden Dialekte, wie das Sächsische, noch heute als Sprache von ungebildeten Menschen angesehen. Das liegt zum Beispiel daran, dass in Filmen und im Fernsehen oft Figuren aus dem Dorf, die als etwas einfach dargestellt werden, Sächsisch sprechen. Dabei war das Sächsische historisch gesehen die Grundlage für Luthers Bibelübersetzung und damit für das heutige Hochdeutsch. Nach dem Bedeutungsverlust Sachsens ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der sächsische Dialekt jedoch oft negativ wahrgenommen. Auch Walter Ulbrichts sächsischer Akzent als Politiker in der DDR trug nicht zu seiner Beliebtheit bei. So wurde die sächsische Klangfärbung im Westen Deutschlands manchmal fälschlicherweise zum Synonym für „Ostdeutsch“ insgesamt.
Dieser Artikel basiert auf dem Video
Die Geschichte der deutschen Dialekte
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