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Sprache: Unsere gemeinsame Identität und ihre Vielfalt

Sprache ist ein grundlegender Bestandteil unserer Identität und unserer Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Sprache, ihre Entwicklung und die Bedeutung ihrer Vielfalt.

Inhalt

Die Erfindung der Sprache ist eine der folgenreichsten Errungenschaften der Menschheit. Ohne sie wären viele andere Entdeckungen und Entwicklungen nicht möglich gewesen. Obwohl jeder Mensch Sprache nutzt, wissen wir oft nicht genau, wer sie erfunden hat oder seit wann wir sie verwenden.

Der Ursprung der Sprache

Manche alte Texte, wie der Babel-Mythos, erzählen, dass die Menschen ursprünglich eine gemeinsame Sprache sprachen. Diese gemeinsame Sprache verlieh ihnen die Macht, miteinander zu kommunizieren und sich zu verständigen. Doch diese Macht missfiel den Göttern, die daraufhin die Sprachen verwirrten, um die Menschen zu trennen.

Die Wissenschaft betrachtet den Ursprung der Sprache anders. Es wird vermutet, dass sich Sprache gleichzeitig mit den ersten Homo Sapiens entwickelt hat. Sprache ist flüchtig, sie verschwindet, sobald sie gesprochen wird, es sei denn, man schreibt sie auf. Da die ersten Menschen noch keine Schrift kannten, können wir nur Vermutungen über den Ursprung der Sprache anstellen.

Sprache entstand wahrscheinlich dort, wo Menschen sich koordinieren und komplexe Sachverhalte erklären mussten. Menschen sind so stark von Sprache abhängig, dass sie spontan neue Sprachen entwickeln, wenn eine Sprachbarriere besteht. Dies ist auch heute noch der Fall: Wenn Menschen keine gemeinsame Sprache sprechen, entwickeln sie oft neue Verständigungssysteme. Die Geschichte der menschlichen Sprache beginnt nicht mit Adam und Eva, sondern mit den ersten Homo Sapiens.

Wie sich Sprache entwickelt

Ein Kommunikationssystem beginnt mit einem gemeinsamen Wortschatz als Referenzpunkt. Wenn wir versuchen, uns mit Gesten oder Pantomime zu verständigen und uns auf etwas einigen können, dient dies als Anker. Am nächsten Tag haben wir diese Basis bereits. Anstatt lange Pantomime zu spielen, können wir einfach die zuvor erfolgreiche Geste wiederholen. Das System wird mit der Zeit effizienter und reduzierter, je mehr wir es nutzen.

Man könnte sogar sagen, dass nicht der Mensch die Sprache erschaffen hat, sondern die Sprache den Menschen. Laut einer Theorie der menschlichen Selbst-Domestizierung haben Menschen eine ähnliche Entwicklung durchlaufen wie domestizierte Tiere. Sie wurden sozialer und weniger aggressiv. Dies könnte als "Überleben der freundlichsten" bezeichnet werden. Sprache kann Aggressionen ins Verbale verlagern, sodass Konflikte mit Worten statt mit Fäusten ausgetragen werden. Aus dem ständigen Geplapper entstand eine Feedback-Schleife, die bis heute fortbesteht.

Sobald der Druck entsteht, sozialer zu werden, brauchen Menschen mehr Kommunikation und Zusammenarbeit. Dies fördert soziale Kontakte, sodass man mit mehr Menschen sprechen oder über komplexere Konzepte diskutieren kann. Mit jedem Ton, jedem Wort und jedem Ausspruch wurde unsere Sprache komplexer und vielfältiger.

Die Vielfalt der Sprachen

Eine Sprache ist eng mit der Gesellschaft verbunden, in der sie entstanden ist. Es wäre unwahrscheinlich, dass verschiedene Gruppen dieselbe Sprache entwickelt hätten, wenn sie kilometerweit voneinander entfernt waren und keinen Kontakt hatten. Daher gibt es keine eine Ursprache, die es so wahrscheinlich nie gegeben hat.

Heute gibt es zwischen 6.500 und 7.000 verschiedene Sprachen weltweit. Obwohl die meisten Menschen heute in einer Welt mit unglaublicher Sprachenvielfalt leben, sprechen viele nur eine Handvoll großer Sprachen wie Englisch, Chinesisch, Hindi, Spanisch oder Französisch. Gründe dafür sind Imperialismus, Kolonialismus und Nationalismus.

In Frankreich erkennt man den Zusammenhang zwischen Nation und Sprache besonders gut. Lange war Französisch für viele Menschen dort eine Fremdsprache. Während der Französischen Revolution gab es eine große Vielfalt an Dialekten und Minderheitensprachen. Diese führten zu absurden Missverständnissen. So rebellierten Bauern gegen die neue Regierung, weil sie den Begriff "Dekret" als "Haftbefehl" missverstanden, da dies die übliche Bedeutung vor der Revolution war. Sie hatten Angst, verhaftet zu werden und revoltierten daher.

Der Abbé Grégoire, ein Revoluzzer, stellte fest, dass nur 11% der französischen Bürger fließend Französisch sprachen. Er war der Meinung, dass eine geeinte Republik nur entstehen kann, wenn alle Französisch sprechen. Seine Idee war, dass alle Dialekte verschwinden müssen. Doch erst 90 Jahre später wurden die Strukturen geschaffen, um diese Idee durchzusetzen, vor allem durch ein einheitliches Schulsystem. Wer in den Schulen Dialekte sprach, wurde bestraft. Dialekte galten als unrein und minderwertig.

An der Nationalsprache Französisch kristallisierte sich die Identität der Franzosen. Das führte auch dazu, dass in Regionen wie der Bretagne oder im Baskenland Forderungen nach einer eigenen Nation laut wurden, mit dem Argument, dass ihre Leute kein Französisch sprechen. Die eigene Identität über eine gemeinsame Nationalsprache zu definieren, war im 19. Jahrhundert in vielen europäischen Ländern im Trend. In Deutschland arbeiteten die Gebrüder Grimm an einem Wörterbuch, das das Alter und die Erhabenheit des Deutschen herausstellen sollte. In der Türkei ersetzte Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk das arabische Alphabet durch das lateinische und vereinte die vielen Sprachen und Dialekte unter dem Istanbuler Türkisch.

Weltsprachen und ihre Herausforderungen

Gleichzeitig wuchs die Welt zusammen. Mit Postsystemen, Telegrafie, Eisenbahnen und einer Einheitlichen Zeitzone wurde der Austausch einfacher. Doch der Nationalismus regierte, und man verstand sich nicht immer. Aus diesem Grund gab es Idealisten im 19. Jahrhundert, die sich eine Sprache wünschten, die niemandem gehört, die nicht trennt, sondern verbindet. Sie entwickelten Plansprachen, die den Weltfrieden ermöglichen sollten. Eine davon war Esperanto.

Eine andere Plansprache, die vor Esperanto existierte, war Volapük. Sie wurde im 19. Jahrhundert als eine der großen Ideen angesehen und für kurze Zeit weltweit gesprochen, von Amsterdam bis Peking. Der Erfinder des Volapük war Johann Martin Schleyer, ein Mann von Welt, der in Litzelstetten am Bodensee lebte. Er sah, dass viele Söhne aus seiner Gemeinde nach Amerika auswanderten, aber der Kontakt abriss, weil die Briefe aufgrund von Sprachverwirrungen nicht ankamen. Damals musste man Englisch können, damit die Adresse stimmte, doch die Bauern schrieben die Adressen so, wie sie sie hörten. Daher wollte Schleyer eine Sprache schaffen, die so klingt, wie man sie schreibt, damit sie jeder in wenigen Monaten lernen kann.

Er entnahm Vokabeln aus großen europäischen Sprachen wie Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch, änderte sie ab und schuf eine Grammatik, die fast ohne Ausnahmen auskommt. So entstand Volapük, was "Weltsprache" bedeutet. Bald diskutierten deutsche Kaufmänner, wie sie mit Hilfe der neuen Weltsprache den Briten die Handelsvormacht streitig machen könnten. Angeblich gab es sogar einen Volapük-Zeppelin, ein Volapük-Dampfschiff und ein Witze-Buch. In der Hochphase lernten schätzungsweise 800.000 bis 1 Million Menschen weltweit Schleyers Erfindung.

Die Probleme mit Volapük begannen jedoch, als es sich verbreitete. Die Sprache war nicht so einfach zu lernen, wie gedacht, besonders für Menschen, die keine Umlaute aussprechen konnten. Auch war Schleyers Wortschatz, der angeblich englisch war, so verstümmelt, dass er kaum erkennbar war. Schleyer hatte einen sehr europäischem Blick. Das Schlimmste aber war seine Überheblichkeit. Er war ein sturer Mann mit festgefahrenen Meinungen, völlig unzugänglich für Kritik. Als die Volapük-Community die Fehler ansprach und ausbessern wollte, lehnte er dies ab und verbot jegliche Änderung an seiner Schöpfung. Er schuf sogar das Amt des Sprachhüters, um die Sprache über seinen Tod hinaus zu bewahren. Doch mit seiner Dickköpfigkeit vergraulte er seine Anhängerschaft, die zur neuen Trendsprache Esperanto überlief, wo Veränderung möglich war.

Es gibt einen universellen Fakt: Wenn Sprachen in Gebrauch sind, verändern sie sich auch. Eine Sprache zur weltweiten Verständigung zu konstruieren, war vielleicht zum Scheitern verurteilt, denn Sprachen wachsen über lange Zeiträume, werden mit Geschichte angereichert und sind Teil unserer Identität. Nimmt man uns unsere Sprache, so ist auch das bedroht, was uns zu dem macht, was wir sind.

Der Kampf um den Spracherhalt

Ron Corn Jr. ist Angehöriger der Menominee Nation in Wisconsin und kämpft für den Fortbestand seiner bedrohten Sprache. Die Menominee-Sprache ist vom Aussterben bedroht, weil die Regierung der Vereinigten Staaten versuchte, sie auszumerzen. Im 19. Jahrhundert wurden Internate eingerichtet, einige militärisch, andere religiös, um indigene Kinder von ihren Familien zu trennen und ihnen zu verbieten, ihre eigene Sprache zu sprechen. Generationen von Menominee mussten diese Schulen durchlaufen und passten sich gezwungenermaßen an. Sie gaben Sprache, Kultur und Geschichte nicht mehr weiter - aus Liebe zu ihren Kindern. Sie wussten, welche Konsequenzen es für ein Kind in der Schule haben konnte, wenn es zu viel über seine Kultur wusste.

Nordamerika war einst ein Ort besonderer Sprachenvielfalt. Nördlich des heutigen Mexikos gibt es rund 300 bekannte Sprachen, die zu Dutzenden verschiedener Sprachfamilien gehören. Viele dieser Sprachen sind geprägt von der Natur und Geografie, in der sie gesprochen werden. Mit indigenen Sprachen verschwindet oft auch konkretes Wissen über Ökosysteme, Heilpflanzen und die eigene Kultur. Das Lernen der Sprache verbindet mit einer Gemeinschaft, die sich an diese Dinge erinnert. Daher haben sich die Menominee entschieden, ihre Sprache wieder ins tägliche Leben zurückzuholen. Als erstes wurden zehn Personen eingestellt und in einem 14-monatigen Ausbildungsprogramm auf den Unterricht in einer Immersionsklasse für Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren vorbereitet. Jedes Jahr wird ein weiterer Raum hinzugefügt und weitere Lehrer ausgebildet.

Das Schlüsselwort dabei ist Immersion. Das bedeutet, nur die Menominee-Sprache zu verwenden. Es gibt kein Vokabellernen und keine Übersetzung. Die Sprache wird ausschließlich aus dem Kontext heraus erlernt. Früher wusste Ron Corn Jr. nichts über die Geschichte der Internate. Er fragte eine der ältesten Frauen, wie es passiert sei und wie sie ihre Sprache verloren hätten. Sie antwortete: "Junge, das würdest du nicht verstehen. Ich bin froh, dass du in einer Zeit aufwachsen konntest, in der du stolz darauf sein kannst, wer du bist." Ron Corn Jr.s Organisation ist von ihrem Ziel, dass 10% der Gemeinschaft die Sprache fließend beherrschen, noch weit entfernt. Aber die ersten Zeichen des Erfolgs sind hör- und spürbar. Es gibt Familien, die beschlossen haben, ihre Kinder mit der Menominee-Sprache als Muttersprache aufzuziehen. Die Sprache kann nicht mehr mit einer einzelnen Person verloren gehen, da viele diese Fackel tragen.

Der Babel-Mythos erzählt, dass es am Anfang nur eine Sprache gab und ihr Verlust oft als menschliches Scheitern interpretiert wurde. Die Wirklichkeit zeigt jedoch, dass Vielfalt unser Normalzustand ist. Hinter dem Erfolg großer Sprachen stehen oft Geschichten von Gewalt und Unterdrückung. Die Tendenz geht zu wenigen, einheitlichen Sprachen. Wir können einander verstehen wie nie zuvor und riskieren zugleich, dass die feinen Unterschiede verschwinden, die unseren Blick auf die Welt prägen. Die eigentliche Frage ist, wie wir einander nahekommen können, ohne gleich zu werden, und gleichzeitig, wie wir verschieden bleiben können, ohne einander fremd zu sein.

Dieser Artikel basiert auf dem Video

Haben wir früher alle dieselbe Sprache gesprochen? | Stimmt es, dass...? | ARTE ARTEde

Haben wir früher alle dieselbe Sprache gesprochen? | Stimmt es, dass...? | ARTE

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