Deutsch und Niederländisch: Eine Sprachfamilie
Deutsch und Niederländisch sind eng verwandte Sprachen. Dieser Artikel erklärt Ihnen die Ähnlichkeiten und Unterschiede in Vokabular, Aussprache und Grammatik.
Deutsch und Niederländisch gehören beide zur westgermanischen Sprachfamilie. Sie stammen von derselben Ursprache, dem Proto-Germanischen, ab. Aus diesem Grund gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sprachen.
Vokabular: Viele gemeinsame Wörter
Deutsch und Niederländisch haben viele Wörter, die gleich oder sehr ähnlich sind. Diese Wörter nennt man „Kognaten“. Hier sind einige Beispiele:
- Glas: auf Deutsch Glas, auf Niederländisch glas
- Wasser: auf Deutsch Wasser, auf Niederländisch water
- Hund: auf Deutsch Hund, auf Niederländisch hond
- Bruder: auf Deutsch Bruder, auf Niederländisch broer
- Schwester: auf Deutsch Schwester, auf Niederländisch zus
Auch ganze Sätze können sehr ähnlich sein:
- Guten Morgen: Guten Morgen auf Deutsch, goedemorgen auf Niederländisch
- Guten Tag: Guten Tag auf Deutsch, goedendag auf Niederländisch
- Es ist sonnig: Es ist sonnig auf Deutsch, het is zonnig auf Niederländisch
Falsche Freunde
Manchmal gibt es Wörter, die ähnlich aussehen, aber eine andere Bedeutung haben. Man nennt sie „falsche Freunde“.
- Auf Niederländisch bedeutet zee „Meer“ und meer „See“. Auf Deutsch bedeutet See (maskulin, der See) „See“ (also ein Binnengewässer) und See (feminin, die See) „Meer“.
- Das niederländische Wort liegen bedeutet „lügen“. Das deutsche Wort liegen bedeutet „sich hinlegen“.
- Das niederländische Wort liegen kann auch „auf etwas liegen“ bedeuten. Das deutsche Wort lügen bedeutet „nicht die Wahrheit sagen“.
- Auf Niederländisch bedeutet pijnlijk „schmerzhaft“. Auf Deutsch bedeutet peinlich „unangenehm“ oder „beschämend“.
- Auf Niederländisch bedeutet mogen „erlaubt sein“. Auf Deutsch bedeutet mögen „jemanden oder etwas gernhaben“. Das niederländische Wort kann aber auch „jemanden mögen“ bedeuten.
Aussprache: Manche Laute sind anders
Obwohl viele Wörter ähnlich sind, klingen sie oft anders. Ein wichtiger Grund dafür ist die sogenannte „hochdeutsche Lautverschiebung“, die vor vielen Jahrhunderten stattgefunden hat. Die deutschen Dialekte wurden von dieser Lautverschiebung betroffen, die niederländischen Dialekte nicht.
Zum Beispiel werden die stimmlosen Verschlusslaute p, t, k im Niederländischen zu Reibelauten f, s, ch im Deutschen, besonders zwischen Vokalen oder am Wortende nach einem Vokal. Beispiele:
- Schiff: auf Niederländisch schip, auf Deutsch Schiff
- Wasser: auf Niederländisch water, auf Deutsch Wasser
- ich: auf Niederländisch ik, auf Deutsch ich
Am Wortanfang, bei doppelten Konsonanten oder nach l oder r werden diese stimmlosen Verschlusslaute zu Affrikaten (Kombination aus Verschluss- und Reibelaut). Beispiele:
- Apfel: auf Niederländisch appel, auf Deutsch Apfel
- Herz: auf Niederländisch hart, auf Deutsch Herz
Ein weiterer Unterschied betrifft das d zu t. Das deutsche t kann aus einem früheren d entstanden sein. Beispiel:
- Tag: auf Niederländisch dag, auf Deutsch Tag
Andere Lautunterschiede
Es gibt auch andere Lautunterschiede, die nicht von der hochdeutschen Lautverschiebung kommen:
- Das g in Gott: auf Niederländisch God (oft ein reibendes g), auf Deutsch Gott (wie im Englischen).
- Das w in Wasser: auf Niederländisch water (ein Laut zwischen w und v am Wortanfang und in der Mitte), auf Deutsch Wasser (wie das v im Englischen).
- Das r in Jahr: auf Niederländisch jaar (oft ein gerolltes r), auf Deutsch Jahr (oft ein Vokal).
- Das ch in Rau: auf Niederländisch ruw, auf Deutsch rau.
Manche Buchstaben werden gleich geschrieben, klingen aber anders, wie das g. Manche werden anders geschrieben und klingen anders, wie das z im Niederländischen (z) und das s im Deutschen (s). Und manche werden anders geschrieben, klingen aber ähnlich, wie die Vokale in Jahr (niederländisch jaar, deutsch Jahr) oder gut (niederländisch goed, deutsch gut).
Im Deutschen gibt es auch das ß (scharfes S), das nach langen Vokalen oder Diphthongen verwendet wird. Nach kurzen Vokalen schreibt man ss. Im Niederländischen wird immer nur s geschrieben, zum Beispiel zomer (Sommer) im Niederländischen und Sommer im Deutschen.
Grammatik: Wichtige Unterschiede
Die Grammatik ist ein weiterer Bereich mit Ähnlichkeiten und Unterschieden.
Grammatisches Geschlecht und Artikel
Deutsch hat drei grammatische Geschlechter: maskulin, feminin und neutral. Niederländisch hatte historisch auch drei Geschlechter, aber heute gibt es praktisch nur noch zwei: ein gemeinsames Geschlecht (für maskulin und feminin) und neutral.
Deswegen hat das Deutsche drei bestimmte Artikel (der, die, das) und zwei unbestimmte Artikel (ein, eine), während das Niederländische nur zwei bestimmte Artikel (de, het) und einen unbestimmten Artikel (een) hat.
Fälle (Kasus)
Deutsch hat vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Nomen, Artikel und Adjektive ändern ihre Form je nach Fall. Zum Beispiel:
- Der rote Fisch ist teuer. (Nominativ)
- Ich mag den roten Fisch. (Akkusativ)
Im Niederländischen gab es früher auch Fälle, aber sie werden heute nicht mehr verwendet. Das macht die niederländische Sprache in dieser Hinsicht einfacher zu lernen, da man keine komplizierten Fallformen auswendig lernen muss. So bleibt die Form de rode vis (der rote Fisch) sowohl im Nominativ als auch im Akkusativ gleich.
Satzbau (Wortstellung)
Im Allgemeinen ist die Wortstellung im Deutschen und Niederländischen ähnlich. Oft ist sie auch ähnlich wie im Englischen:
- Ich kann sehr gut Klavier spielen. (Deutsch)
- Ik kan heel goed piano spelen. (Niederländisch)
In beiden Sprachen steht das konjugierte Verb an zweiter Position im Hauptsatz, und das nicht-konjugierte Verb oder die anderen Verben stehen am Ende des Satzes. Wenn mehrere Hilfsverben vorkommen, gibt es leichte Unterschiede in der Reihenfolge:
- Ich möchte Klavier spielen können. (Deutsch)
- Ik wil piano kunnen spelen. (Niederländisch)
Auch in Nebensätzen gibt es Ähnlichkeiten. Das Verb steht am Ende. Beispiel:
- Er weiß, dass ich Klavier spielen kann. (Deutsch)
- Hij weet dat ik piano kan spelen. (Niederländisch)
Bedingungssätze
Bei Bedingungssätzen gibt es auch einige interessante Unterschiede. Zum Beispiel:
- Wenn ich genug Geld hätte, würde ich mir ein Auto kaufen. (Deutsch)
- Als ik genoeg geld had, zou ik een auto kopen. (Niederländisch)
Im Niederländischen wird oft der Indikativ verwendet, während das Deutsche den Konjunktiv II verwendet, um eine hypothetische Situation auszudrücken (hätte statt hatte). Außerdem verwendet das Deutsche in diesem Beispiel ein Reflexivpronomen (mir), das im Niederländischen nicht üblich ist. Der bestimmte Artikel ein ist im Deutschen neutral und im Akkusativ, während es im Niederländischen nur eine Form des unbestimmten Artikels gibt.
Trotz vieler Ähnlichkeiten sind Deutsch und Niederländisch nicht ohne Weiteres gegenseitig verständlich, besonders wenn sie schnell gesprochen werden. Das Schreiben ist oft leichter zu verstehen als das Sprechen.
Dieser Artikel basiert auf dem Video
How Similar are German and Dutch?
Langfocus